Projektseite Gesamtkonzept Elbe

Gesamtkonzept Elbe

Blick nach vorne zur Bühne. Im Veranstaltungsraum sitzen etwa 110 Gäste.
Quelle: WSA Elbe

Themenblock III: Stromregelung & Verkehr

Die Nutzbarkeit der Elbe für die Schifffahrt hängt, verbunden mit dem aktuellen Abfluss, vor allem von der Tiefe und Breite der Fahrrinne ab. Das Stromregelungssystem mit seinen vielen Flussbauwerken soll diese Nutzung langfristig und für die gesamte deutsche Binnenelbe gleichwertig sicherstellen. Der Schwerpunkt der Vorträge lag dementsprechend auf Entwicklungsmöglichkeiten für die Elbe durch flussbauliche Maßnahmen am Beispiel der Elbe-Reststrecke, Möglichkeiten zur Kapazitätserhöhung der Elbe-Schifffahrt bei Einhaltung des verkehrlichen Unterhaltungsziels und Planungen integrierter verkehrlicher Maßnahmen an der Elbe.

Entwicklungsmöglichkeiten für die Elbe durch flussbauliche Maßnahmen am Beispiel der Elbe-Reststrecke

Vortrag von Bernd Hentschel | Bundesanstalt für Wasserbau (BAW)

Eine konkrete Umsetzung des GKE ist derzeit an der 13 Kilometer langen Elbe-Reststrecke zwischen Dömitz und Hitzacker (El-km 508 - 521) durch die Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Elbe-Reststrecke“ geplant. Hier werden Chancen und Möglichkeiten für die Entwicklung der Elbe untersucht. Dabei geht es um flussbauliche Maßnahmen, welche zur nachhaltigen Entwicklung der Elbe-Reststrecke und ihrer Auen unter Maßgabe der wasserwirtschaftlichen, verkehrlichen und ökologischen Zielstellungen führen. Die Entwicklung des Elbabschnitts ist notwendig, da in allen drei Bereichen Defizite festgestellt wurden, die ohne eine gegenseitige Beeinträchtigung beseitigt werden müssen.

In der Vergangenheit fanden viele Veränderungen statt, die Auswirkungen auf die Sohlhöhen und die Sohlentwicklung haben. Im Gegensatz zu anderen Flussabschnitten findet in der Elbe-Reststrecke aber keine Erosion statt. Die Elbe-Reststrecke ist dadurch charakterisiert, dass sie ca. 50 Meter breiter ist als ober- und unterhalb dieses Flussabschnitts und die Sohle um zwei bis drei Dezimeter höher liegt, so dass die minimale Zieltiefe im Bereich der Fahrrinne beim Gleichwertigen Wasserstand (GlW) von 1,40 Meter häufig nicht gegeben ist. Der Grund dafür ist, dass kriegsbedingt hier nur der Mittelwasserausbau realisiert und auch während der deutschen Teilung keine Bauwerksanpassungen vorgenommen wurden. Eine weitere Besonderheit ist das Auftreten von freien alternierenden Bänken, die für diesen Elbabschnitt eigentlich nicht typisch sind und in Deutschland an schiffbaren Flüssen nur in der Oder oberhalb von Hohenwutzen anzutreffen sind. Sie führen zu falschen Übergängen für die Schifffahrt, erschweren damit die Schiffbarkeit und verursachen einen sehr großen Unterhaltungsaufwand.

Die im April 2022 vorgelegte konzeptionelle Vorstudie bildet den ersten Schritt der Untersuchung. Im nächsten Schritt werden Entwicklungsmöglichkeiten für die Elbe durch flussbauliche Maßnahmen untersucht.

Eine erste Idee für die Entwicklung der Reststrecke ist die Reduzierung der schiffbaren Flussbreite um 50 Meter durch inselartige Parallelwerke. Dahinter sollen die Buhnen entfernt und Flachwasserbereiche geschaffen werden. Mit diesen Maßnahmen können alle Ziele und Anforderungen des GKE für diesen Bereich erfüllt werden. Aus dem großen und vielfältigen Potenzial ergibt sich jedoch auch ein hoher Untersuchungs- und Abstimmungsbedarf. Aus früheren Forschungsprojekten und den Erkenntnissen von Modellierungen (aktuell ein Krümmungsmodell zur Betrachtung der morphologischen Vorgänge) verfügt die BAW aber über einen großen Baukasten an möglichen Maßnahmen.

Die Konkretisierung der Lösungsmöglichkeiten zeigt ein großes Potenzial ökologisch optimierter, flussbaulicher Maßnahmen. Das für die Fachplanung zuständige WSA Elbe strebt in Zusammenarbeit mit der BAW und der BfG eine offene und konsensorientierte Entwicklung der Varianten mit einer frühzeitigen und intensiven Öffentlichkeits- und GKE-Gremienbeteiligung an. 

Möglichkeiten zur Kapazitätserhöhung der Elbe-Schifffahrt bei Einhaltung des verkehrlichen Unterhaltungsziels

Vortrag von Martin Bock | Elbe Allianz e. V., AGRAVIS Ost

Die Elbe ist die einzige Wasserstraße in der Region und besitzt daher eine große wirtschaftliche und verkehrliche Bedeutung. Trotzdem werden aus den Agrarstandorten in Sachsen und Tschechien 3 Mio. Tonnen Getreide und Ölsaaten überwiegend mit dem LKW transportiert. Rund 120.000 LKW übernehmen den Transport der Agrargüter aus Sachsen bis zum Mittellandkanal. Diese könnten durch 1.500 Schubverbände ersetzt werden, wenn eine verlässliche Schiffbarkeit hergestellt ist. Damit würde die Schifffahrt rund 84.600 Tonnen weniger CO2 pro Jahr als der LKW-Verkehr erzeugen.

Für Tschechien ist die Elbe die einzige Schifffahrtsverbindung zu den EU- und Weltmärkten. Unsere Nachbarn sind damit auf eine zuverlässige Schiffbarkeit der Elbe angewiesen und haben kein Verständnis dafür, dass Deutschland diese nicht gewährleistet. Die Bahn bietet wegen fehlender Gleiskapazitäten keine Alternative. Im wirtschaftlichen Wettbewerb kann die Schifffahrt gut bestehen: Im Vergleich zur Straße liegen die Transportkosten um ein Sechstel niedriger, der Energieverbrauch beträgt nur ein Drittel dessen der Straße und die externen Kosten ein Siebtel. Die Zahlen zeigen, dass die Schifffahrt ihren Beitrag zur CO2-Einsparung im Verkehr leisten kann. Sie trägt auch zur Lärmreduktion entlang der Gleise und Straßen bei, wenn die notwendigen Voraussetzungen für eine Schiffbarkeit der Elbe, wie im GKE definiert, geschaffen werden.

Nicht nur aus Sicht des Naturschutzes, auch aus Sicht der Wirtschaft, geht es mit der Umsetzung des GKE zu langsam voran. Der Glaube an die Vereinbarkeit von Naturschutz und Wasserstraße ist fast abhandengekommen. Aus Sicht der Wirtschaft ist derzeit für die Umsetzung des GKE weder ein politischer noch gesellschaftlicher Konsens erkennbar. Es fehlen gemeinsame Ziele, eine zeitliche Perspektive und ein konkretes Maßnahmenkonzept. Im GKE-Beirat wird aus ihrer Sicht nicht gemeinsam über Verbesserungen für die drei Bereiche Wasserwirtschaft, Naturschutz und Wirtschaft zielführend und konstruktiv diskutiert. Die Wirtschaft plädiert daher dafür, ohne zeitaufwändige Untersuchungen mit pragmatischen Maßnahmen für den Naturschutz und die Schifffahrt an der Elbe auf Basis einer Vertrauens- und Fehlerkultur zu starten.

Planungen integrierter verkehrlicher Maßnahmen an der Elbe

Vortrag von Tobias Gierra | Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Elbe (WSA Elbe)

Hoheitliche Aufgaben der WSV sind der verkehrliche Ausbau, die verkehrliche Unterhaltung, die ökologische und morphologische Durchgängigkeit der Bauwerke an der Wasserstraße und seit dem letzten Jahr auch der wasserwirtschaftliche Ausbau. Dies macht eine integrierte Betrachtung notwendig. Das im GKE definierte Ziel für die WSV ist, gleichwertige Fahrrinnentiefenverhältnisse entlang der Binnenelbe von mindestens 1,40 Meter unter dem GlW2010 bereitzustellen – bei einer Fahrrinnenbreite von mindestens 50 Metern bzw. mit Richtungsverkehr mindestens 35 Meter. Diese Ziele werden auf vielen Strecken für den Großteil des Jahres erreicht. Defizite sind vor allem in der Erosionsstrecke (zwischen Elster- und Saalemündung) und der Elbe-Reststrecke vorhanden.

Einige der Anforderungen aus dem auf einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren ausgelegten Gesamtkonzept Elbe konnten in den letzten Jahren umgesetzt werden. Die Anzahl von Fehlstellen für die Schifffahrt wurde im Vergleich zur Defizitanalyse von 2014/2015 inzwischen deutlich reduziert. Für die Verbesserung der Gewässermorphologie wurden bereits vor der Verabschiedung des GKE im Jahr 2017 Unterhaltungsarbeiten mit ökologischen Ansätzen durch die WSV ausgeführt (z. B. Deckwerksrückbau bei Klieken, Deckwerksrückbau bei Lödderitz, Kerbbuhnen im Bereich Apollensdorf/Griebo, unbefestigte Landanschlüsse bei Piesteritz, Öffnung des Parallelwerks Dessau Wallwitzhafen, Totholzbuhne Seegrehna u. v. m.). Die Erfahrungen aus diesen Arbeiten sind in das GKE eingeflossen. Die Verfahrensanweisung für den Abstimmungsprozess zur Unterhaltung von Stromregelungsbauwerken an der Elbe unter Berücksichtigung des GKE führte bereits zu weiteren Bauwerken mit ökologischen Funktionen (z. B. bei El-km 201,7 bis 204 oder El-km 246,8 bis 247,2). Bei der Pilotmaßnahm Klöden werden über eine Strecke von 14,5 Kilometern zahlreiche integrierte verkehrliche Maßnahmen umgesetzt (z. B. Absenkung aller Buhnen, Buhnenkerben, Anschluss von Seitenrinnen usw.). Die Abstimmungen hierfür finden in einer gemeinsamen Bund-Länder-Arbeitsgruppe statt. Weitere Maßnahmen finden u. a. in Kooperation mit dem Land Sachsen-Anhalt, dem WWF, dem NABU, dem Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie des Freistaates Sachsen und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben statt.

Die zahlreichen Maßnahmen der letzten Jahre zeigen, dass eine Umsetzung der Ziele des GKE sowohl dem Naturschutz als auch der Schifffahrt und der Wasserwirtschaft einen Nutzen und Verbesserungen bringen.

Diskussion zum Themenblock III

Auf dem Podium stellen sich Herr Bernd Hentschel, Herr Martin Bock und Herr Tobias Gierra den Fragen der Gäste. Podiumsdiskussion zum Themenblock III Podiumsdiskussion zum Themenblock III Quelle: WSA Elbe

Die Rückmeldungen aus dem Publikum und die Diskussion bezogen sich im Themenblock III auf folgende Punkte:

  • gesellschaftliche Fragen und die Notwendigkeit eines langfristigen Perspektivwechsels zur Vermeidung von Warenverkehren
  • Bedeutung einer sicheren Schiffbarkeit für die Wirtschaft, auch im Hinblick auf Tschechien
  • Anpassung der Schifffahrt mit kleineren und speziell für Niedrigwasser angepassten Schiffen
  • Vorschlag für Richtungsverkehr auf der Elbe-Reststrecke und Nutzung des Elbeseitenkanals
  • Vorschlag für eine Neubetrachtung des GKE unter geänderten Rahmenbedingungen (Klimawandel)

Aus dem Publikum kam der Hinweis auf die Notwendigkeit, auch gesellschaftliche Fragen und die Notwendigkeit eines langfristigen Perspektivwechsels zur Vermeidung von Warenverkehren zu diskutieren. So seien die Prognosen der Schifffahrt auch in wasserreichen Jahren nicht eingetreten, sie dienten jedoch als Grundlage zum Beispiel für den Bundesverkehrswegeplan. Weiterhin konkurriere die Schifffahrt mit der Bahn und nicht mit dem LKW.

Herr Bock betonte, dass die unsichere Nutzbarkeit der Elbe für die Wirtschaft ein großes Problem darstelle, da so viele Unternehmen trotz des erfolgten Baus der Häfen entlang der Elbe nicht auf das Transportmittel Schiff zurückgriffen. Die Anschaffung flussangepasster Schiffe sei für die Schifffahrt derzeit nicht ökonomisch. Inwiefern Strategien zur Verkehrsvermeidung bzw. -reduzierung zur Verbesserung der Situation an der Elbe beitragen würden, könne in einem europäischen Wirtschaftsraum, der auf einen internationalen Warentransport angewiesen ist, durch die Schifffahrt allein nicht beantwortet wer-den. Hier seien politische Entscheidungen, gerade auch auf europäischer Ebene, erforderlich. Er wies jedoch auf die Verantwortung Deutschlands für die europäischen Nachbarn, insbesondere Tschechien, hin.

Die Elbe-Reststrecke mit Richtungsverkehr auszustatten, betrachtete die BAW als nicht möglich, da es derzeit keine festgelegte Fahrrinne gebe. Durch sich ständig verändernde Sandbänke sei die Elbe nicht tief genug für vorausschauendes Fahren. Die Reststrecke müsse daher weiterentwickelt werden.

Auf den Vorschlag aus dem Publikum, den Elbeseitenkanal auszubauen und stärker zu nutzen, wurde auf die Elbeerklärung von 1996 verwiesen. Der Vorschlag Elbe und ESK als System zu betrachten, wäre bereits in das GKE übernommen worden.

Aus dem Publikum wurde im letzten Punkt angeregt, auf aktuelle Veränderungen und Erkenntnisse seit der Verabschiedung des GKE vor fünf Jahren, zum Beispiel im Bereich des Klimawandels und der Klimafolgenanpassungen, durch eine integrative Betrachtung und Anpassungen im GKE zu reagieren. Hierzu wurde von Seiten der Bund-Länder-Kommission bestätigt, dass sich die Oberbehörden und der Beirat bereits mit dem Einfluss des Klimawandels auf die Elbe auseinandersetzen würden.

Letzte Änderung: 09.02.24