Projektseite Gesamtkonzept Elbe

Gesamtkonzept Elbe

Blick nach vorne zur Bühne. Im Veranstaltungsraum sitzen etwa 110 Gäste.
Quelle: WSA Elbe

Themenblock II: Naturschutz

Von der deutsch-tschechischen Grenze bis zum Wehr Geesthacht prägt die Elbe wertvolle Natur- und Kulturlandschaften. Ihre Auenwälder bieten der Tier- und Pflanzenwelt vielfältige Lebensräume. Ihre Fauna-Flora-Habitate und Vogelschutzgebiete sind von herausragender europäischer Bedeutung. Die drei Impulsvorträge beleuchten das Sächsische Auenprogramm, Erfahrungen aus Naturschutzprojekten und Naturschutzmaßnahmen an der Elbe.

Verknüpfung des Gesamtkonzeptes Elbe mit dem Sächsischen Auenprogramm zur Erfüllung europäischer und nationaler Rechtspflichten

Vortrag von Dr. Thomas Gröger | Sächsisches Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft (SMEKUL)

Das Land Sachsen ist für den Bereich der Oberelbe von der tschechischen Grenze über Dresden und Meißen bis zum Raum Riesa zuständig. Nach mehreren Hochwasserereignissen erteilte der Landtag 2013 den Auftrag, ein Konzept zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Auen im Hinblick auf Wasserrückhalt zu erarbeiten. Für das Konzept wurden geeignete Räume für einen natürlichen Hochwasserschutz (HQ20) identifiziert unter Hinzuziehung der Flächen, die für den Naturschutz zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie von besonderer Bedeutung sind. Das Konzept sollte somit verschiedene fachpolitische Anforderungen zum Hochwasserrisikomanagement, zum Natur- und Gewässerschutz, zum Klimaschutz sowie zur Vereinbarkeit mit einer nachhaltigen landwirtschaftlichen Nutzung von Flächen in natürlichen Überschwemmungsgebieten erfüllen.

Als Ergebnis wurde das Sächsische Auenprogramm im Koalitionsvertrag 2019 - 2024 der Regierungsparteien des Freistaats Sachsen verankert und dient nun als Grundlage für das Verwaltungshandeln. Das Programm enthält insgesamt 35 Potenzialräume entlang der zehn größten Fließgewässer in Sachsen sowie elf naturschutzfachliche prioritäre Gebiete und soll kontinuierlich fortgeschrieben werden. Eine Stärke des Programms liegt in der damit verknüpften Struktur für eine überbehördliche Abstimmung. Ein dauerhaftes Gremium tagt zweimal jährlich. Außerdem wurde eine jährliche Berichtspflicht vereinbart. Eine regelmäßige Verbandsbeteiligung wurde nicht vorgesehen. Es wird jedoch angestrebt, regionale Projektträger zu finden, die Flächeneigentümer und -nutzer einzubinden, Ausgleiche für sie zu schaffen und damit Akzeptanz in den Regionen zu erreichen.

Das GKE und das Auenprogramm entwickelten sich parallel und haben Berührungspunkte wie zum Beispiel den Elbe-Schlauch und den Landschaftsraum gemeinsam zu denken. Maßgeblich ist das aktuelle Maßnahmenprogramm der Flussgebietsgemeinschaft Elbe 2021 - 2027 im Rahmen des Bewirtschaftungsplans zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie (RL 2000/60/EG). Es wurden fünf Maßnahmen mit Auenentwicklungspotenzial an der Elbe aus den Hochwasserschutzkonzepten mit einem Zugewinn von Überschwemmungsflächen abgeleitet. Eine beispielhafte Maßnahme sind die Elblachen Pratzschwitz in Pirna mit Anbindung eines Nebengewässers zur Schaffung einer intakten Auendynamik.

Für die Zukunft strebt das Land Sachsen an, Regelungen nach Vorbild des Vorlandmanagements bzw. der Auenstrukturpläne zu erarbeiten sowie ein Elbe-bezogenes Gebietsmanagement zu verbessern.

Erfahrungsbericht zur Zusammenarbeit von Naturschutz und Wasserwirtschaft am Beispiel ausgewählter Naturschutzprojekte

Vortrag von Dr. Astrid Eichhorn | WWF Deutschland

Für den WWF ist die Mittlere Elbe eine „Leuchtturmregion“ für naturnahe Wasserstraßen und ihre Auenlandschaften als Lebensraum für Mensch und Natur. Das WWF-Büro Mittlere Elbe hat zum Ziel, naturräumliche Defizite zu beheben, die Modellregion in der Gesellschaft sichtbar und bekannt zu machen und ein langfristiges Auenmanagement zur Sicherung, Erhaltung und Entwicklung der Modellregion zu gewährleisten.

Ein bedeutendes WWF-Projekt mit Modellcharakter und großer Wirkung ist dabei das Naturschutzgroßprojekt Mittlere Elbe. Von 2001 bis 2019 wurden mit einem Budget von 35,3 Mio. Euro (WWF-Eigenanteil 10 %) 125 Maßnahmen auf 249 Hektar umgesetzt. Ein wesentliches Ergebnis war die größte Deichverlegung in Deutschland nahe der Gemeinde Lödderitz mit 600 Hektar zurückgewonnener Retentionsfläche. Die größte Herausforderung in dem Projekt war aus juristischer Sicht die Verbindung der hoheitlichen Landesaufgabe Hochwasserschutz mit einer Finanzierung über ein Projektbudget. Die Lösung war, dass auf Basis eines Werkvertrags mit dem Landesbetrieb für Hochwasserschutz Sachsen-Anhalt (LHW) der WWF als Projektträger und der LHW als Bauherr fungieren konnten.

Ein weiteres Modell-Projekt des WWF entlang der Elbe in den Jahren 2010 bis 2018 war das „Life+Natur“-Projekt Vockerode. Die Besonderheit war dabei die enge Verbindung von Hochwasser-, Natur- und Denkmalschutz. Auch hier hatte der LHW mitgewirkt. Das Besondere an dem Projekt war, dass eine große Überflutungsfläche durch Umwandlung von Acker- in Auengrünland mit Zustimmung des dortigen Landwirts geschaffen werden konnte.

Im dritten WWF-Projekt mit Modellcharakter „Wilde Mulde“ (Laufzeit 2015 bis 2021) wurden Schlüsselmaßnahmen der WRRL in Abstimmung mit dem LHW umgesetzt (u. a. Rückbau Uferversteinung, Einbau Flussholz, Waldentwicklung, Anschluss Seitenarm).

Für ein zukünftiges Modellprojekt zur Renaturierung von Auen an einer Bundeswasserstraße hat der WWF im Rahmen des Bundesprogramms „Blaues Band Deutschland“ einen Antrag für die Entwicklung eines Referenzgebietes in Kooperation mit der WSV eingereicht. Hierfür ist eine Laufzeit von zehn Jahren und ein Budget von 9,6 Mio. Euro mit einem Eigenanteil von 25 % vorgesehen.

Aufgrund der gewonnenen Erfahrungen kann der WWF Erfolgsfaktoren für eine gute Zusammenarbeit und Akzeptanz bei neuartigen, komplexen und langjährigen Projekten ausmachen. Wichtig sind aus Sicht der Organisation eine belastbare Vertrauensbasis, professionelles Arbeiten, vertraglich festgelegte Rollen, eine hohe Kontinuität der Schlüsselpersonen, eine langfristige Sicherung des Finanzbedarfs, abgestimmte Öffentlichkeitsarbeit und zuletzt auch ein „langer Atem“.

Naturschutzmaßnahmen an der Elbe

Vortrag von Guido Puhlmann | Länder-Arbeitsgemeinschaft UNESCO-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe, Biosphärenreservatsverwaltung Mittelelbe

Auen sind abhängig vom Wasser und eine Wasserlandschaft ohne Wasser ist ein erschreckender und bedrohlicher Zustand für diesen Lebensraum. Ein Wandel aufgrund der Wasserknappheit ist bereits in der Landschaft entlang der Elbe erkennbar. So stehen auentypische Tier- und Pflanzenarten auf Populationsebene zunehmend unter Druck. Das GKE kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, diesem Wandel und der Bedrohung der einheimischen Flora und Fauna entgegenzutreten.

Kooperationen von Ländern und Institutionen ermöglichen trotz knapper Landesmittel anspruchsvolle Projekte. So plant zum Beispiel das Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe – mit Kernzonen in Brandenburg – die Umsetzung eines Auenrevitalisierungsprojektes. Eine Förderantragsstellung ist in Vorbereitung.

Mit dem Verbundprojekt Hochwasserschutz Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern soll eine ca. 75 Hektar große Retentionsfläche durch Rückverlegung der Hochwasserverteidigungslinie, bauliche Veränderungen der Deichanlagen und einen Sperrwerksneubau geschaffen werden.

Aktuelle Projekte mit GKE-Bezug im Bereich des Biosphärenreservats Mittelelbe sind der Anschluss von Altarmen und Flutrinnen sowie Staubauwerke. Zu nennen sind weiterhin das Naturschutzgroßprojekt Mittelelbe-Schwarze Elster der Sielmann Stiftung (Finanzierungsvolumen von 36 Mio. Euro) mit der Pilotmaßnahme Klöden der WSV (zusätzliches Volumen von rund ca. 30 Mio. Euro) sowie das Projekt Hohe Garbe im Bundesprogramm Biologische Vielfalt des BUND. Weitere Projekte im Rahmen des Bundesprogramms Blaues Band durch WWF, NABU und BUND sind in Vorbereitung.

Die Projekte haben einen Signalcharakter für andere Länder. Die verbesserte Wasserstraßenunterhaltung der letzten Jahre bringt zunehmend positive ökologische Wirkungen. Aus Sicht der Biosphärenreservatsverwaltung sind die vorhandenen Erkenntnisse ausreichend, um in die Umsetzung zu gehen. Sie sieht im GKE-Umsetzungsprozess eine einmalige Chance, aber auch die Verpflichtung, die Verantwortung wahrzunehmen und dauerhaft zu handeln.

Diskussion zum Themenblock II

Auf dem Podium stellen sich Herr Dr. Thomas Gröger, Frau Dr. Astrid Eichhorn und Herr Guido Puhlmann den Fragen der Gäste. Herr Dr. Michael Wormer moderiert die Diskussion. Podiumsdiskussion zum Themenblock II Podiumsdiskussion zum Themenblock II Quelle: WSA Elbe

Die Rückmeldungen aus dem Publikum und die Diskussion bezogen sich im Themenblock II auf folgende Punkte:

  • Verpflichtung Deutschlands gegenüber Tschechien, die Schifffahrt zu gewährleisten
  • Netzwerk ELBE PARKS
  • ökologische Verträglichkeit von Stauwerken und mögliche Konflikte mit der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)
  • Renaturierung der Schwarzen Elster
  • Probleme bei der Anbindung von Altarmen und Einschränkungen für den Naturschutz durch die Unterhaltung der Elbe als Schifffahrtsstraße bei der Anbindung von Altarmen
  • Finanzmittel für das Sächsische Auenprogramm
  • Erkenntnisdefizite und Handlungsfähigkeit zur Umsetzung des GKE
  • Gleichrangigkeit von Schifffahrt und Naturschutz

Ergänzend zu den Vorträgen wurde aus dem Publikum auf das Netzwerk ELBE PARKS der Großschutzgebiete entlang der Elbe hingewiesen, zu dem auch das Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe gehört.

Bzgl. der Frage, ob Stauwerke die einzige Möglichkeit seien, um Wasser in der Fläche zu halten, käme es laut Herrn Puhlmann auf die Situation und das Gewässer an. Eine generelle Ablehnung sei nicht angebracht. Es gebe auch Stauwerke, die ökologisch vertretbar seien.

Aus dem Landkreis Stendal wurde auf den Konflikt zwischen den Vorgaben der WRRL nach Durchlässigkeit und dem Bestreben der Unterhaltungsverbände, der Versteppung entgegenzuwirken, aufmerksam gemacht. Durch eine Neugestaltung der Gräben u. a. mit Stauwerken, die das Wasser in der Fläche halten, würde die Durchlässigkeit eingeschränkt. Diese sei aber bei Trockenheit ebenfalls nicht gewährleistet. Herr Jährling vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW) gab zu bedenken, dass die WRRL auch Einzelbetrachtungen und Ausnahmen bezüglich der ökologischen Durchgängigkeit zulasse. Das Ziel sei, das Gewässer in einen so naturnahen Zustand wie möglich zu setzen. Auch Herr Puhlmann sprach sich für einen pragmatischen Umgang in solchen Fällen aus.

Zu der Frage nach den Planungen an der Schwarzen Elster bestätigte Herr Puhlmann die geplante Anbindung von Altarmen bei der Renaturierung der Schwarzen Elster. Es bestünde ein großes Potenzial, den Fluss komplett in das alte Bett zurückzuverlegen.

Aus dem Publikum wurde auf ein Beispiel aufmerksam gemacht, bei dem Elbe-Mäander, die vor 85 Jahren vom Strom getrennt worden seien, im Rahmen eines Naturschutzprojekts wieder angeschlossen wurden, inzwischen aber durch Hochwasser im Einlauf versandet seien. Herr Puhlmann bestätigte, dass solche Prozesse bei Altarmanbindungen immer vorkommen könnten.

Nach den Finanzmitteln vom Land Sachsen für konkrete Maßnahmen im Rahmen des Auenprogramms gefragt, erläuterte Herr Gröger, dass es kein eigenes Förderprogramm gebe. Für die Umsetzung stünden drei bis vier Mio. Euro zur Verfügung und man konzentriere sich in den nächsten drei Jahren auf einige bestimmte Maßnahmen. Für die ökologischen Flutpolder seien im ELER-Programm (Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums) Gelder veranschlagt worden.

Hinterfragt wurde die Aussage von Herrn Puhlmann in seinem Vortrag, dass es an der Elbe keine Erkenntnisdefizite gäbe. Das würde implizieren, dass man bereits wisse, was wo und wie passiere, was aber nicht der Fall wäre. Herr Puhlmann konkretisiert seine Aussage dahingehend, dass es aus seiner Sicht keine das Handeln limitierende Erkenntnisdefizite gäbe. Für eine wissenschaftliche Herleitung fehle es derzeit an Kapazitäten und Zeit. Die Kapazitäten sollten im Hinblick auf ein zeitnahes Handeln besser für die Identifikation möglicher Flächen für die Umsetzung genutzt werden.

Beim letzten Punkt sah eine Vertreterin eines Umweltverbands Einschränkungen bei den ökologischen Maßnahmen aufgrund der Funktion der Elbe als Wasserstraße. Dies würde zu einem Ungleichgewicht führen, da die Schifffahrt bevorzugt und keinen Einschränkungen unterliegen würde. Herr Puhlmann gab daraufhin zu bedenken, dass Gestaltung und Unterhalt aus rein wasserbaulicher Sicht ohne Berücksichtigung ökologischer Aspekte in anderer Form umgesetzt würden, als dies mit der aktuellen Berücksichtigung der Fall sei. Das GKE sehe die Gleichrangigkeit von Ökologie und Schifffahrt vor. Daher müssten beide Seiten auch Kompromisse eingehen.  

Letzte Änderung: 09.02.24